Reporter und Videoteams am Tatort der Schlägerei in Passau. Foto: Passau erleben
Reporter und Videoteams am Tatort der Schlägerei in Passau. Foto: Passau erleben

Nach tragischem Tod des 15-Jährigen: Medien stürzen sich auf Passau

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Meinungsbeitrag. 

Am vergangenen Montag, 16. April,  wurde in Passau in der Fußgängerunterführung am Schanzlturm ein 15-Jähriger zu Tode geprügelt. Er starb an den Folgen der Schlägerei, indem er am Blut, das in die Atemwege gelangte, erstickt ist. Sobald die Meldung an die Öffentlichkeit drang, verbreitete sich die Nachricht durch die Medien im ganzen Land und darüber hinaus. Sämtliche namhaften Medien griffen das Thema auf und berichteten. Natürlich auch wir von Passau erleben. In unserer Berichterstattung richten wir uns dabei in erster Linie nach den Informationen, die die Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei an die Medien weiterreichen.

Am Dienstag, 17. April, folgten viele Reporter und Fernsehteams dem Ruf der Tragödie und eilten nach Passau. Bilder vom Tatort gingen durchs Land, Freunde des Opfers wurden befragt und Verwandte versucht, ausfindig zu machen. In den sozialen Netzwerken wurden daraufhin vermehrt Stimmen laut: „Warum muss so ausführlich berichtet und diskutiert werden? Denkt denn niemand an die Angehörigen, wenn die das mitlesen?“

Wann gehen Medien zu weit?

Wie weit können Medien gehen? Wann gehen sie zu weit? Diese Fragestellung ist nicht einfach zu beantworten. Wenn sich Freunde und Verwandte gegenüber Reportern freiwillig äußern, ist dies sicherlich ihr gutes Recht. Allen Medien obliegt hier eine Informationsfunktion, die Öffentlichkeit wird über den Vorfall unterrichtet. In gewisser Weise dient dies sicherlich auch der Befriedigung von Neugierde. Im besten Fall lernt die Gesellschaft aus einer solchen Tragödie. So hat der Passauer OB Jürgen Dupper bereits angekündigt: „Gemeinsam mit der Passauer Polizei werden wir mit aller Konsequenz an den erarbeiteten Konzepten für die Sicherheit im öffentlichen Raum und auch an den Ausweitungen der pädagogischen Angebote im Rahmen des Streetworks festhalten.“

Reporter auf der Suche nach Stories

Eine, selbst für uns als Medium, schockierende Erfahrung mussten zwei unserer Reporterinnen am Ort des Geschehens bei der Fußgängerunterführung machen. Sie waren für uns unterwegs, um Bilder der Blumen und Kerzen zu machen, die für den 15-Jährigen am Tatort niedergelegt wurden. Dabei wurden sie selbst von einer Pressereporterin und einem Videoteam auf die Vorfälle angesprochen.

Eine Frau, die ebenfalls Blumen und eine Kerze niederlegen wollte, wurde von den Reportern sogleich gefragt, ob sie das nicht für die Kameras machen wollen würde. Da die Platzierung der Kerze dabei im ersten Anlauf wohl nicht für die Kameras ausreichte, sollte sie den Vorgang wiederholen. Zudem wurde auch unter allen Anwesenden nach einem Feuerzeug gefragt, weil das Kamerateam eine angezündete Kerze haben wollte. Auch zu einem Interview wurde die Dame fast gedrängt. „Wollen Sie in Ihrer Trauer nicht ein Interview geben?“ Als sie das aber nicht wollte, wurde mehrfach nachgehakt. Erst nachdem die Dame mehrmals wiederholte, sie wolle zu dem Vorfall nichts sagen, ließen die Reporter von ihr ab.

Zwei Interviews – zwei Situationen

Zwei Interviews – zwei Situationen: Die Pressereporterin, von der unsere Kolleginnen befragt wurden, wurde von ihnen als eher zurückhaltend beschrieben. Die Fragen wurden nach eigenem Ermessen und mit eigenen Worten beantwortet. Als unsere beiden Reporterinnen allerdings von einem Videoteam zu der Situation befragt wurden, hatten sie zunehmend das Gefühl, man würde ihnen die Antworten in den Mund legen. Sie sollten dabei die Fragestellungen in ihre Antworten einbauen und wurden damit, nach ihrem Empfinden, in eine gewisse Richtung gelenkt. Als diese Integrierung der Fragestellung nicht wie gewünscht geklappt hat, wurde gestoppt und man wurde darauf hingewiesen, wie man die Antwort beginnen solle.

„Wir hatten das Gefühl, wir konnten nicht das sagen, was wir meinten. Man wollte darauf hinaus, dass wir die Tat als sehr schockierend empfinden, sehr viel darüber nachdenken und das solche Dinge immer schlimmer werden heutzutage.“ Nach dem zweiten Interview blieb bei Beiden ein ungutes Gefühl – der Situation und der Berichterstattung gegenüber. Wir nahmen dies zum Anlass und fragten bei dem Sender, dessen Logo das Mikrofon des Kamerateams zierte,nach, ob diese Praktik gängig sei und erklärten die Situation. Die Antwort fiel sehr kurz aus: „Ein Frager lenkt immer das Gespräch. In Interviews mit einem Kamerateam oder auch bei schriftlichen Anfragen – wie in diesem konkreten Fall von www.passau-erleben.de.“

Wo liegt die Grenze?

Für unsere beiden Mitarbeiterinnen ging dieses Verhalten der Medien zu weit. Auch wir bei Passau erleben machen uns täglich Gedanken, wie weit gehen wir mit unseren Texten und Postings und ab wann könnten einzelne Menschen dadurch verletzt werden. Wir hoffen, dass wir in den allermeisten Fällen die richtige Entscheidung treffen und die Grenze richtig erkennen. Gerne stellen wir uns dabei auf unseren Social Media-Seiten Eurer Kritik und Eurem Feedback.

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